Einordnung: EU AI Act zwischen Gesetz und Realität
Mit dem EU AI Act hat die Europäische Union einen regulatorischen Rahmen geschaffen, der den Einsatz von künstlicher Intelligenz europaweit einheitlich regeln soll. Das Gesetz wurde im Juli 2025 veröffentlicht und befindet sich aktuell in der Umsetzungsphase.
Der entscheidende nächste Meilenstein ist der 2. August 2026. Ab diesem Zeitpunkt werden zentrale Anforderungen, insbesondere für Anbieter von KI-Systemen und Hochrisiko-Anwendungen vollständig durchsetzbar.
Trotz dieser klaren gesetzlichen Struktur zeigt sich in der Praxis: Viele Fragen bleiben offen.
Warum derzeit noch Unsicherheit herrscht
Obwohl der AI Act den rechtlichen Rahmen definiert, ist die konkrete Anwendung in vielen Bereichen noch nicht abschließend geklärt.
Unternehmen stehen aktuell vor Fragen wie:
- Wie werden einzelne KI-Systeme konkret eingeordnet?
- Welche Dokumentationspflichten gelten in der Praxis tatsächlich?
- Wo beginnt und endet die Verantwortung von Anbietern und Anwendern?
- Wie streng werden Transparenz- und Nachweispflichten ausgelegt?
Genau diese Unsicherheiten führen dazu, dass viele Marktteilnehmer aktuell eine Art „Orientierungsphase“ erleben.
Der Code of Practice als entscheidender Baustein
Eine zentrale Rolle spielt dabei der Code of Practice der EU-Kommission, der derzeit in einer überarbeiteten bzw. finalisierten Form erwartet wird.
Dieser Code ist besonders wichtig, weil er:
- den AI Act in konkrete Praxisregeln übersetzt
- beschreibt, wie Anforderungen umgesetzt werden sollen
- als wichtiger Referenzrahmen für Aufsichtsbehörden dient
- Unternehmen eine Art „Compliance-Leitplanke“ bietet
Auch wenn der Code formal nicht das Gesetz ersetzt, hat er in der Praxis eine enorme Bedeutung, da er zeigt, wie die Regeln tatsächlich ausgelegt und überprüft werden.
Warum alle auf die überarbeitete Fassung warten
Derzeit herrscht im Markt eine klare Erwartungshaltung: Erst mit der finalen bzw. überarbeiteten Version des Code of Practice wird sich vollständig zeigen, wie streng und detailliert die EU-Kommission den AI Act interpretieren wird.
Besonders relevant ist dabei:
- wie weit Transparenzpflichten konkret gehen
- welche Anforderungen an Dokumentation gestellt werden
- wie der Umgang mit KI im Produktionsprozess bewertet wird
- welche Nachweise Unternehmen künftig erbringen müssen
- und vor allem, wie der Begriff „Deep Fake“ konkret ausgelegt wird
Gerade dieser letzte Punkt sorgt aktuell für große Unsicherheit: Entscheidend ist die Frage, ab wann ein Inhalt als Deep Fake gilt und damit zwingend gekennzeichnet werden muss. Ist bereits eine KI-optimierte Stimme betroffen? Oder erst vollständig synthetisch erzeugte Audio- oder Bildinhalte, die realen Personen täuschend echt nachempfunden sind? Die genaue Abgrenzung wird maßgeblich bestimmen, wie weit Kennzeichnungs- und Transparenzpflichten in der Praxis tatsächlich reichen.
Solange diese Fragen nicht eindeutig beantwortet sind, bleibt ein gewisser Interpretationsspielraum bestehen – und damit auch Unsicherheit im Markt.
Ziel: mehr Klarheit für Unternehmen und Märkte
Gerade für Unternehmen aus Medien, Technologie und Werbung ist der Bedarf an klaren Vorgaben hoch. KI wird bereits heute in vielen Prozessen eingesetzt – von Content-Erstellung über Automatisierung bis hin zur Datenanalyse. Der AI Act soll hier künftig einen einheitlichen Rahmen schaffen, der Innovation ermöglicht, aber gleichzeitig klare Regeln setzt. Der Code of Practice ist dabei der Schlüssel, um diese Balance in die Praxis zu übertragen.
Besonders herausfordernd ist diese Entwicklung für das Medium Radio und Audio. Im Gegensatz zu visuellen Medien gibt es hier keine Möglichkeit, KI-Kennzeichnungen einfach über Texte auf einem Bildschirm oder in einem Bild darzustellen. Transparenz muss daher direkt im Medium selbst hergestellt werden – über auditive Hinweise, also klare akustische Kennzeichnungen im Programm oder in der Produktion. Das kann beispielsweise durch sprachliche Hinweise oder standardisierte akustische Signale erfolgen. Dadurch wird die Umsetzung der Transparenzanforderungen im Audiobereich deutlich anspruchsvoller und erfordert neue, einheitliche Prozesse in Produktion, Redaktion und Vermarktung entlang der gesamten Audiowertschöpfungskette.
Einordnung und Ausblick
Wichtig ist: Der EU AI Act ist kein statisches Regelwerk, sondern ein mehrstufiger Umsetzungsprozess.
- 2025: Veröffentlichung des Gesetzes
- 2026: schrittweise Inkraftsetzung zentraler Pflichten
- laufend: Auslegung durch Leitlinien, Code of Practice und FAQs
Der aktuelle Stand zeigt deutlich: Die Regulierung entsteht nicht nur auf dem Papier, sondern wird Schritt für Schritt konkretisiert.
Der EU AI Act markiert einen Meilenstein für die Regulierung künstlicher Intelligenz in Europa. Mit dem Inkrafttreten weiterer Regelungen am 2. August 2026 beginnt jedoch erst die eigentliche Praxisphase. Viele Fragen zur konkreten Auslegung – etwa zu Transparenzpflichten, Dokumentationsanforderungen oder der Definition von Deep Fakes – werden erst durch den finalen Code of Practice der EU-Kommission beantwortet werden.
Für Unternehmen bedeutet das: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, sich mit den Anforderungen des AI Acts auseinanderzusetzen und die weiteren Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen. Wir ordnen die kommenden Leitlinien ein und informieren fortlaufend darüber, welche Auswirkungen sie auf den praktischen Einsatz von KI haben.

